Die Sprache der „guten Dinge“

Die Biofaktizität naturbelassener Objekte
(Sabine Maasen, Barbara Sutter, Laura Trachte)

Natur liegt im Trend – auch im Hinblick auf Ernährung. Diese Beobachtung nimmt das Teilprojekt zum Anlass, die Frage nach der Sprache von „naturbelassenen“ Lebensmitteln zu stellen, die jedoch alles andere als „reine Natur“ sind: Denn das, was sie gegenüber „behandelten“ Lebensmitteln auszeichnen soll, ist selbst das Ergebnis einer Vielzahl sozio-technischer Prozesse wie der (Rück-)Züchtung, der Logistik, aber auch sozialer und Selbsttechnologien. Aus einer soziologischen Perspektive nehmen die Objekte hier den Status von boundary objects (Thomas Gieryn) ein, die Natur-Technik-Verhältnisse – und an denen sich diese Verhältnisse – immer neu formieren, sei es als Biofakt, wie die Gen-Tomate, oder als Biofakt malgré tout, wie die Bio-Tomate.

Um diesen Formierungen auf die Spur zu kommen, greift das Teilprojekt auf die Idee gesprächiger Dinge von Lorraine Daston zurück: Biofakte sind gesprächig, weil sie wechselseitige Verweise von Materialität und Bedeutung ständig in Bewegung halten. Davon ausgehend wird die Sprache von naturbelassenen Ernährungsobjekten als laufend zu aktualisierende Verweisstruktur untersucht, eine Alternative zu technisierten Ernährungsangeboten (z.B. functional food) zu sein – und zwar material (z.B. Ästhetik der krummen Bio-Möhre) ebenso wie semiotisch (z.B. als gesund, nachhaltig etc.). Die Sprache naturbelassener Ernährungsobjekte, so die These, ist weniger eine Semantik des „Natürlichen“ als vielmehr eine ex negativo-Semantik der ständigen Abwehr technisch aufgerüsteter Objekte.

Für die Untersuchung geht das Teilprojekt über den in der Soziologie vorherrschenden Umgang mit Objekten hinaus: Während im Kontext von Dingkultur Prozesse wie symbolische Aufladung und Personalisierung von Gegenständen im Vordergrund stehen, konzentrieren sich Untersuchungen zum Thema der technischen Bearbeitung von Natur häufig auf Natur als Narrativ (z.B. Nachhaltigkeit) sowie auf subjektivierende Effekte (z.B. Responsibilisierung von Konsumenten). Objekte sind hier nur mittelbar relevant. Die Wissenschafts- und Technikforschung hält dagegen eine Reihe von einschlägigen Konzepten bereit, wie das Konzept von „Technik als verteilter Aktion“, das die Performanz technischer Objekte und ihre Handlungsträgerschaft (agency) in „hybriden Konstellation verteilter Aktivitäten (distributed action) aus Menschen, Maschinen und Zeichen“ betont (Werner Rammert).

Das Teilprojekt geht diesen verteilten Aktivitäten am Beispiel von Ernährungsobjekten nach, die wie die Bio-Tomate im ökologischen Landbau geerntet, im Bio-Laden präsentiert, im Modus des politischen Konsums erworben und ökologisch bewusst zubereitet werden. Im verweisenden Negativ des Biofakts, hier der Gen-Tomate, fragt es nach Herstellungs-, Präsentations- und Verwendungsweisen, in denen Ernährungsobjekte überhaupt erst zu „Bioprodukten“ werden.